Es gibt Orte in Berlin, an denen die Zeit nicht einfach stehengeblieben ist – sie ist herausgebrochen worden. Dach um Dach, Fenster um Fenster, Balken für Balken. Der Gewerbehof an der Adresse Alt-Biesdorf 53 A-D im Ortsteil Biesdorf ist so ein Ort.
Von der Bundesstraße B 1/B 5 aus ist er kaum zu übersehen: Das cremegelbe Vorderhaus mit seinem geschwungenen Schweifgiebel und den Mansarddachgauben steht dort wie ein ausgedienter Wachposten am östlichen Ende der Straße Alt-Biesdorf, kurz bevor die Fahrbahn auf der Wuhle-Brücke in Alt-Kaulsdorf übergeht. Doch wer durch den Torbogen tritt, betritt eine andere Welt.
Hinter der Fassade: eine vielfältige Ruinenlandschaft
Was von der Straße aus wie ein heruntergekommenes, aber noch stehendes Gebäude wirkt, entpuppt sich auf dem Hof als ausgedehntes Ruinenensemble. Mehrere Gebäudeteile, die einst eine zusammenhängende Hofanlage bildeten, befinden sich in verschiedenen Stadien des Zerfalls.

Im hinteren Bereich sind Teile der Gebäude bereits bis auf die Grundmauern abgetragen. Mächtige, verrostete Stahlträger ragen waagerecht in den Biesdorfer Sommerhimmel – Überreste von Kranschienen oder Lagerhallendecken, die einmal eine Funktion hatten. Darunter: freiliegender Ziegelstein, durch Jahrzehnte geschwärzt, durchbrochen von Lücken, durch die Büsche und Birken hindurchwachsen. Mehrfach wurde Feuer gelegt. Auf dem Pflasterboden des Hofplatzes sprießen Wildkräuter zwischen den Fugen. An der Außenwand eines Niedrigbaus, der offenbar als Werkstatt oder Lagerraum diente, haben Sprayer großflächige Pieces hinterlassen – als hätten die fehlenden Dächer den Ort zur Freiluftgalerie gemacht.
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Der Hauptbau dagegen steht noch. Aber auch er kämpft einen stillen Kampf gegen die Schwerkraft. Im Erdgeschoss sind die Treppenstufen aus dunkelrotem, lackiertem Holz noch vollständig erhalten – ein Detail, das seltsam unberührt wirkt in den Schutt-gefüllten Räumen ringsum. Die Stufen führen nach oben in Stockwerke, die man lieber nicht mehr betreten sollte: Zimmerdecken aus Holzbalkenkonstruktionen haben sich durchgebogen und sind teilweise hereingebrochen. Freiliegendes, modriges Gebälk hängt wie verkohlte Rippen in den Räumen. Die Wände sind von Feuchtigkeit und Schimmel überzogen, der Putz löst sich in großen Bahnen. In einem Zimmer im Obergeschoss – die Wände noch in gelbem Altbauanstrich, darunter sorgfältig aufgeklebte Holzleisten, an der Wand ein Heizkörper der alten Schule – steht ein schmales, rundbogiges Fenster offen. Durch es hindurch sieht man ins Grüne. Ein stilles Bild, das mehr erzählt als viele Worte über das, was hier einmal gewöhnliches Alltagsleben war.
Spuren einstiger Nutzung
Wer genau hinschaut, findet überall Zeugen der Betriebsamkeit, die dieses Areal einmal hatte. In einem Kellerraum steht noch ein großer weißlicher Kunststofftank – möglicherweise ein ehemaliger Heizöl- oder Wasserspeicher – auf dem staubbedeckten Betonboden, daneben ein ausgedientes rotes Druckgefäß und Rohre aus einer Zeit, als hier noch geheizt, gearbeitet, gelebt wurde. Im Keller selbst sind die Wände fein verputzt und mit rotem Sockelstreifen versehen, die Decke grau und kaum mehr intakt.

In einem anderen Gebäudeteil, der offenbar sanitären Zwecken diente, sind noch weiß geflieste Wände und ein Bodenablauf erkennbar – der Raum könnte eine Waschgelegenheit oder ein Duschraum für Mitarbeiter gewesen sein. Die Kacheln sitzen noch, aber das Fenster ist herausgebrochen, und durch die Öffnung blickt man direkt auf die mit „DE“ und anderen Graffiti bemalte Außenmauer des Nachbargebäudes.
Draußen, an der Fassade des Vorderhauses zur Hofseite hin, rostet eine rechteckige Alarmanlage vor sich hin – ein Gehäuse mit gitterförmigen Lüftungsschlitzen und roter Signalkappe. Noch vor einigen Jahren dürfte sie gepiepst haben, wenn jemand unbefugt das Gelände betrat. Heute ist sie selbst Teil der Kulisse des Verlassenen.
Auf dem Vorplatz zur Straße hin steht – oder vielmehr gammelt – das Skelett einer einst großen Werbetafel. Ein rostiges Metallgerüst aus vertikalen Streben und horizontalen Querträgern, die früher eine Werbefläche hielten. Inzwischen haben sich Kletterpflanzen so konsequent um das Stahlgerüst gerankt, dass der Rahmen wie ein verfilztes Kunstwerk aus totem Gestrüpp wirkt. Die Werbebotschaft, die hier einmal Autofahrer auf der B 1 ansprechen sollte, ist längst verschwunden.

Und an einer der Mauern im Treppenhaus, zwischen all dem großformatigen Graffiti und den Vandalismus-Spuren, findet sich ein kleines Bild: ein farbenfroher Regenschirm in Regenbogenfarben, sorgfältig aufgemalt. Darunter zwei gezeichnete Comicfiguren. Wer auch immer das hinterlassen hat – es wirkt weniger wie eine Schmiererei als wie ein stiller Gruß an jemanden, der vielleicht zurückkommt. Oder auch nicht.
Die Mieter: Ein kleines Gewerbeverzeichnis des Wandels
Die verblichenen Firmenschilder an der Frontfassade und am Giebel lesen sich wie ein Verzeichnis des kleinteiligen Berliner Gewerbes der 2000er- und 2010er-Jahre. An der Straßenseite warben zuletzt mindestens drei Unternehmen um Kunden:
Naturboden – Die Korkspezialisten belegte den linken Teil des Erdgeschosses und war eines der letzten Unternehmen, das hier nachweislich aktiv war. Die NBG Naturboden GmbH ist ein Berliner Fachbetrieb für Korkböden, Parkett, Kautschuk und Naturbeläge. Das Biesdorfer Schild verrät, dass der Betrieb irgendwann weiterzog: Ein Aufkleber weist auf die neue Adresse „Büllinger Str. 2″ hin. Heute führt das Unternehmen sein Hauptgeschäft am Mariendorfer Damm 8 in Berlin-Tempelhof sowie eine weitere Filiale in Großbeeren.
ELLO Küchenmontagen & Messebau war im rechten Abschnitt des Erdgeschosses eingetragen – ein Dienstleister, der Küchen einbaute und Messeaufbauten realisierte.
Marmor Line GmbH ist das am besten dokumentierte der hier ansässigen Unternehmen. Das Großhandelsunternehmen für Naturstein, Marmor und Steinprodukte war unter genau dieser Adresse, Alt-Biesdorf 53 D, 12683 Berlin, mit einer Berliner Festnetznummer registriert. An der Giebel- und Hofseite des Gebäudes hängt noch immer das große Werbebanner des Unternehmens: schwarze Blockbuchstaben auf weißem Grund, darunter die Unterzeile „line“ in schlanker Schrift. Das Logo ist aus der Distanz noch gut lesbar – fast wie ein Wegweiser, der in eine Richtung zeigt, die es nicht mehr gibt.
Darüber hinaus finden sich Reste eines Werbeplakats des Berliner Eventservice Animatron, erkennbar an der bunten Grafik, die auf Geschenke, Wünsche und Animationsfiguren verweist. Das Plakat hängt noch – oder hängt noch immer halb herunter, von Wind und Wetter zerzaust. Die Security-Firma hatte ebenfalls ein Schild angebracht und damit den Anspruch auf Bewachung angemeldet. Ob das Gelände tatsächlich noch regulär bewacht wird, lässt sich vor Ort nicht eindeutig klären.
Eine Adresse im städtebaulichen Wandel
Dass ausgerechnet dieser Hof so lange im Dornröschenschlaf liegt, ist geografisch betrachtet keine Selbstverständlichkeit. Das Areal befindet sich in einem der aktivsten Entwicklungsgebiete des Bezirks Marzahn-Hellersdorf. Der Bebauungsplan XXI-2-1 des Bezirksamts, der die Grundstücke Alt-Biesdorf 50A bis 53H sowie den Wuhleweg 1–7 und umliegende Flurstücke umfasst, ist bereits seit dem 20. September 2011 rechtskräftig festgesetzt. Das Plangebiet ist seit Jahren bauplanerisch erschlossen – getan hat sich an der Adresse 53 A-D seither wenig.
Die unmittelbare Nachbarschaft hingegen hat sich tiefgreifend verändert. Nur wenige Hundert Meter westlich, auf dem Areal des historischen Gutshofs Biesdorf, entstand zwischen 2017 und 2021 eines der größten kommunalen Neubauvorhaben des Bezirks: Die STADT UND LAND Wohnbauten-Gesellschaft ließ dort auf rund 30.000 Quadratmetern über 515 Mietwohnungen in mehr als 30 Häusern errichten, darunter ein erheblicher Anteil Sozialwohnungen. Drei denkmalgeschützte historische Gebäude des alten Guts – ein Pferdestall und ein Speicher aus dem Jahr 1888, erbaut vom Maurermeister Wilhelm Liesegang, sowie ein Kuhstall von 1902, errichtet im Auftrag Werner von Siemens‘ – blieben erhalten und sind für gewerbliche Nachnutzung vorgesehen.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße lädt der Schlosspark Biesdorf mit seinem denkmalgeschützten Schloss zur Erholung ein. Ringsherum entsteht und wächst, verdichtet sich und belebt sich der Ortsteil Biesdorf – während das Ensemble an den Hausnummern 53 A-D weiter wartet. Auf was genau, ist unklar.
Was bleibt vom dem einstigen Gewerbeareal in Biesdorf
Ein Riesenbanner, das einem längst fortgezogenen Steinhandel gehört. Treppenholz in Dunkelrot, das an einem Ort überlebt hat, an dem es kein richtiges Oben mehr gibt. Ein Regenschirm in Regenbogenfarben an einer bröckelnden Wand im Treppenhaus. Und draußen auf dem Vorplatz das leere Metallskelett einer Werbetafel, durch das der Wind zieht.
Alt-Biesdorf 53 A-D ist kein großer, legendärer Lost Place wie der Spreepark in Treptow oder das Stasi-Krankenhaus in Hohenschönhausen. Es ist kein Ort, über den Bücher geschrieben werden. Es ist der ganz normale, kleinteilige Zerfall, wie er sich in Berlins Randbezirken an Dutzenden Adressen wiederholt: ein Handwerkerhof, der seinen letzten Mieter verabschiedet hat, ein Gründerzeitgebäude, das niemand renoviert, ein Bebauungsplan, der wartet. Und mittendrin eine Hausnummer auf vergilbtem Kunststoff: 53 D. Dunkelblau auf beige. Noch fest in der Wand.
Fotos: © Redaktionszeit / Christian B.
