Kaum ein Schriftzeichen ist heute so allgegenwärtig wie das @. Es steht in jeder E-Mail-Adresse, in jedem Social-Media-Namen und gilt vielen als Sinnbild des Internetzeitalters. Doch anders als oft angenommen wurde das Zeichen weder für die E-Mail erfunden noch lässt sich sein Ursprung auf einen einzelnen Erfinder oder einen einzigen Moment zurückführen.
Seine heutige Funktion erhielt das @ zwar erst 1971 durch einen amerikanischen Ingenieur. Das Zeichen selbst aber ist mehrere Jahrhunderte älter – und woher es wirklich stammt, ist bis heute nicht abschließend geklärt.
Der Mann, der dem @ zu seiner modernen Bedeutung verhalf, war Ray Tomlinson. Der am 23. April 1941 im US-Bundesstaat New York geborene Elektroingenieur arbeitete Anfang der 1970er-Jahre bei der Forschungsfirma Bolt, Beranek and Newman (BBN) in Cambridge, die am Aufbau des ARPANET beteiligt war – dem vom US-Verteidigungsministerium finanzierten Vorläufer des heutigen Internets. 1971 kombinierte Tomlinson ein bestehendes Programm zum Versenden lokaler Nachrichten mit einem Protokoll zur Dateiübertragung und schuf so die erste Möglichkeit, elektronische Nachrichten von einem Rechner an einen anderen im Netzwerk zu senden.
Dafür benötigte Tomlinson ein Zeichen, das den Namen des Nutzers vom Namen des Zielrechners trennt. Nach eigener Darstellung habe er schlicht auf die Tastatur seines Fernschreibers geschaut und nach einem Symbol gesucht, das in Personennamen nicht vorkomme und mit keinem Befehl des damaligen Betriebssystems zu verwechseln sei. Seine Wahl fiel auf das @. Der Vorteil lag auch in der Bedeutung: Im Englischen steht „at“ für „bei“, sodass sich eine Adresse wie „tomlinson@bbn“ wörtlich als „Tomlinson bei BBN“ lesen ließ. Das Format Benutzer@Host hat sich seither nie verändert. An den Inhalt seiner allerersten Nachricht, versendet zwischen zwei nebeneinander stehenden Rechnern, konnte sich Tomlinson später nicht mehr erinnern – er sei völlig belanglos gewesen, möglicherweise habe er einfach „QWERTYUIOP“ getippt. Tomlinson meldete weder ein Patent an noch ließ er das Format schützen. Er starb am 5. März 2016 im Alter von 74 Jahren.
Dass das @ überhaupt auf Tomlinsons Tastatur lag, verdankt es seiner kaufmännischen Vergangenheit. Über Jahrhunderte diente das Zeichen im Handel als Kürzel für „zum Preis von“ oder „je Stück“ – etwa in der Schreibweise „10 Stück @ 5 Mark“. Aus diesem Grund fand es bereits im späten 19. Jahrhundert Platz auf Schreibmaschinentastaturen, wo es vor allem Buchhaltern und Händlern nützte. Als die ersten Computertastaturen nach dem Vorbild der Schreibmaschine gestaltet wurden, wanderte das @ einfach mit – und wartete dort, kaum genutzt, auf eine neue Aufgabe.
Wesentlich unsicherer ist die Frage, wie das Zeichen ursprünglich entstand. Lange galt die Vermutung, mittelalterliche Mönche hätten das @ als Ligatur geschaffen, also als Verschmelzung der beiden Buchstaben des lateinischen Wortes „ad“ (deutsch „zu“, „bei“, „hin zu“). Beim raschen Abschreiben von Handschriften habe sich der Aufstrich des „d“ nach links um das „a“ gebogen. Diese Deutung, auf die sich unter anderem das Oxford English Dictionary bis heute stützt, ist jedoch durch keine eindeutigen Frühbelege gesichert.
Der bislang älteste bekannte Beleg für ein Zeichen in dieser Form findet sich an ganz anderer Stelle: in einer bulgarischen Übersetzung einer griechischen Chronik des byzantinischen Geschichtsschreibers Konstantin Manasses aus dem Jahr 1345, die heute in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt wird. Dort dient das @ als Anfangsbuchstabe des Wortes „амин“ (amin, also „Amen“). Warum der Schreiber gerade hier zu dieser Form griff, ist bis heute ungeklärt. Ein weiterer früher Beleg stammt aus dem spanischen Register „Taula de Ariza“ von 1448, in dem ein @-ähnliches Zeichen eine Weizenlieferung von Kastilien nach Aragón bezeichnet.
Am besten dokumentiert ist die kaufmännische Spur. Der italienische Wissenschaftshistoriker Giorgio Stabile von der römischen Universität La Sapienza entdeckte im Jahr 2000 in einem Handelsarchiv einen Brief des Florentiner Kaufmanns Francesco Lapi vom 4. Mai 1536. Lapi, der aus Sevilla nach Rom schrieb, verwendete das @ als Kürzel für „Amphore“ – ein antikes Hohl- und Gewichtsmaß, benannt nach dem großen Tonkrug, der etwa einem Dreißigstel eines Fasses entsprach. Die Schleife um das „a“, so Stabile, sei ein typisches Merkmal jener Kaufmannsschrift gewesen, die italienische Händler zwischen Mittelalter und Renaissance entwickelt hätten. Von Italien aus, so seine These, habe sich das Zeichen entlang der Handelswege durch Europa verbreitet. Sicher belegt ist diese Ausbreitung allerdings nicht.
Über die romanischen Sprachen hängt dem Zeichen bis heute eine weitere Bedeutung an. Im Spanischen und Portugiesischen bezeichnet „arroba“ sowohl das @ als auch ein Gewichtsmaß von rund 25 Pfund, also einem Viertelzentner. Das Wort stammt vom arabischen „ar-rub“ für „das Viertel“. Im Französischen lebt es als „arobase“ fort.
Wie unterschiedlich die Menschen das verschnörkelte Zeichen wahrnehmen, zeigt sich an seinen Namen. Im deutschsprachigen Raum sagen viele schlicht „ät“; umgangssprachlich kursieren Bezeichnungen wie Klammeraffe, Affenschwanz, Affenohr oder Affenschaukel, offiziell heißt es At-Zeichen oder – nach der Ligatur-Theorie – Ad-Zeichen. Andere Sprachen greifen zu noch bildhafteren Vergleichen: Die Niederländer sprechen vom „apenstaartje“ (Affenschwänzchen), die Italiener von der „chiocciola“ (Schnecke), die Dänen und Schweden vom „snabel-a“ (Rüssel-A), die Isländer vom „fílseyra“ (Elefantenohr). Im Hebräischen heißt es umgangssprachlich „Strudel“ nach dem Gebäck, im Ungarischen „kukac“ (Wurm), im Russischen „sobatschka“ (Hündchen), im Griechischen „papaki“ (Entchen) und im Türkischen romantisch „gül“ (Rose). Sprachwissenschaftler vergleichen diese Vielfalt gern mit einem Rorschach-Test, in den jeder etwas anderes hineindeutet.
Trotz aller Forschung bleiben zentrale Fragen offen. Ob das @ tatsächlich auf mittelalterliche Mönche zurückgeht, ob es unabhängig voneinander mehrfach entstand oder ob ein durchgehender Faden vom bulgarischen „Amen“ des 14. Jahrhunderts über die Handelsschrift der Renaissance bis zur Schreibmaschine reicht, lässt sich derzeit nicht beweisen. Die einzelnen Belege sind über Jahrhunderte und Sprachräume verstreut, und zwischen dem Manasses-Manuskript von 1345 und dem Lapi-Brief von 1536 klafft eine Lücke von fast zwei Jahrhunderten ohne gesicherten Nachweis. Fest steht allein, dass das Zeichen weit älter ist als der Computer, dem es seinen weltweiten Ruhm verdankt.
Seinen Status als Kulturikone hat das @ inzwischen offiziell bestätigt bekommen: 2010 nahm das Museum of Modern Art (MoMA) in New York das Zeichen in seine Designsammlung auf – ein Symbol, das niemand gestaltet hat, dessen Urheber unbekannt bleibt und das dennoch zu den meistgetippten Zeichen der Welt gehört.
